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Politik21.03.2012

VUT-Stellungnahme zur „Kurzstudie“ der Piratenpartei

An Unkenntnis, Einfältigkeit und Zynismus kaum zu übertreffen: „Kurzstudie“ des Musikpiraten e.V. zur Einkommensentwicklung Kreativer in Deutschland von 1995

An Unkenntnis, Einfältigkeit und Zynismus kaum zu übertreffen: „Kurzstudie“ des Musikpiraten e.V. zur Einkommensentwicklung Kreativer in Deutschland von 1995

Folgend lesen Sie unsere Stellungnahme zur Kurzstudie der Piratenpartei:

Künstler in Deutschland: Einkommen seit 1995 um 30% gestiegen

von Christian Hufgard / 1. Vorsitzender Musikpiraten e.V.

http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/artikel/kuenstler_deutschland_einkommen_seit_1995_um_30_prozent_gestiegen

Am 20.03.2012 erschien auf dem Portal des Musikpiraten e.V. eine „Kurzstudie“ die vorgibt, die Einkommensentwicklung kreativer Menschen in Deutschland zu analysieren. Diese „Studie“ ist von Unkenntnis und Einfältigkeit geprägt, das „Ergebnis“ so substanzlos, dass es schwer fällt, sie ernst zu nehmen.

Die „Studie“ basiert auf zwei „Analysen“ – der Einkommensschätzungen der KSK Mitglieder und der GEMA Umsätze. Im Folgenden soll kurz auf die gröbsten methodischen Fehler hingewiesen werden. Vorab sei angemerkt, dass die Kernaussage der Studie („30% Einkommenssteigerung für Künstler“) sowohl 16 Jahre Inflation als auch die Einführung deutlich strengerer Kontrollen der KSK Schätzungen 2007 ignoriert. Die Kernaussage bezieht sich außerdem nur auf unzuverlässige Einkommensschätzungen, empirisch belastbare Einkommensdaten werden nicht berücksichtigt.

Basierend auf Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, muss leider trotzdem davon ausgegangen werden, dass sie nicht nur online tausendfach geteilt und „geliked“ wird, sondern dass auch schlecht recherchierende klassische Medien, vor allem die vollkommen unhaltbare Behauptung „Einkommen seit 1995 um 30% gestiegen“ wiedergeben werden.

1. KSK

Die geschätzten Einkommensdaten der KSK werden aus zwei offensichtlichen Gründen in der Regel nicht für statistische Erhebungen verwendet:

a) Sie beruhen ausschließlich auf Schätzungen des Jahreseinkommens, die Künstler in der Mitte des Jahres für das laufende Jahr selbst vornehmen. Gehaltsempfänger können so etwas in der Regel absehen, die Situation der meisten Künstler ist, dass sie gar nicht wissen können, wie hoch ihre zukünftigen Einnahmen sein werden.

b) Diese Schätzungen sind Grundlage der zu entrichtenden Krankenkassenbeiträge. Ein Schelm wer denkt, diese Schätzungen könnten dadurch beeinflusst werden, dass von ihrer Höhe der zu zahlende Sozialversicherungsbeitrag abhängen wird.

Eine zuverlässige Basis zur Ermittlung der Künstlereinkommen sind die KSK Einkommensschätzungen deshalb in keinem Fall. Wenn man zuverlässige Zahlen wollte gäbe es deutlich präzisere Quellen – Einkommens- und Umsatzsteuererklärungen beispielsweise.

Die von den Autoren nichtsdestotrotz erstellte, inflationsbereinigte Analyse dieser Zahlen ergibt folgende Graphik:

 

Zu beobachten ist:

Die als Kernaussage herausgestellte Einkommenssteigerung von 30% ist durch die Inflationsbereinigung verschwunden.

Zwischen 1996 und 2007 sinken die, ohnehin bescheidenen Schätzungen der Jahreseinkommen (1995 durchschnittlich zwischen ca. 8.800 und 13.500 EUR) recht deutlich – bei Bildenden Künstlern fallen sie in dieser Zeit von etwas über 10.000 EUR unter 9.000 EUR pro Jahr. (Wegen der groben Skaleneinteilungen hier und nachfolgend nur ungefähre Zahlenangaben möglich)

Die Autoren nennen das euphemistisch nicht einen Rückgang, sondern ein „Abflachen“ der Einkommen – eine ebenso unpräzise wie unzutreffende Beschreibung.

Auffällig ist dann eine deutliche Erhöhung aller angegebenen Einkommensschätzungen 2008 / 2009. Erstaunlich auch, dass diese Erhöhung der Schätzungen zeitgleich quer durch alle Disziplinen – Musik, Wort, Bild und Darstellende Künste – erfolgt.

Fragen sich die Autoren was diese dramatische Verbesserung des Schicksals aller bei der KSK versicherten Künstler 2008 / 2009 verursacht haben könnte? Die mit Abstand größte Einkommensschwankung der letzten 16 Jahre? Erstaunlicherweise zeitgleich in allen Kunstgattungen? Und mitten in der größten weltweiten Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren?

Nein. Sie stellen kommentarlos fest was ihrem offensichtlich angestrebten Ergebnis zu dienen scheint: Nach 2007 „stiegen sie wieder stark an“(S.5).

Aber was könnte die Ursache für diese unerklärliche (und unerklärte), geradezu sensationelle Verbesserung der abgegebenen Einkommensschätzungen gewesen sein, die die Rückgänge der vorangegangenen 12 Jahre in nur zwei Jahren in allen Kunstgattungen wettmacht?  Das Internet? Wohl kaum.

Autoren jeder ernstzunehmenden Analyse hätten zumindest versucht Ursachen zu finden. Und man muss auch nur zu Wikipedia gehen, um einen Hinweis zu erhalten:

Bis 2007 erfolgte die Prüfung der abgegebenen Schätzungen durch gelegentliche und seltene Stichproben der kleinen, künstlerfreundlichen, in Wilhemshaven beheimateten KSK. Aber:

„Ab Mitte 2007 war zusätzlich die Deutsche Rentenversicherung für die Prüfung der rechtzeitigen und vollständigen Entrichtung der Künstlersozialabgabe zuständig“ (Wikipedia).

Wer KSK versicherte Künstler persönlich kennt, erinnert die Situation des Jahres 2007: Steuerberater schickten Künstlern und Unternehmen Briefe mit nachstehendem oder ähnlichem Inhalt, Webseiten verbreiteten die Nachricht, Freunde und Kollegen berichteten es sich gegenseitig:

„Künstlersozialabgabe: Strengere Prüfungen durch die Rentenversicherung!

Das Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG) wurde mit Wirkung zum 15.6.2007 geändert. Die  Deutsche Rentenversicherung übernahm gleichzeitig die Betriebsprüfungen der Künstlersozialkasse.

Es ist angekündigt worden, dass es strengere Prüfungen für kreative Arbeiten geben wird. Etwa 3.600 Prüfer sind bundesweit unterwegs um zu kontrollieren.

Schon ab der zweiten Juli-Woche 2007 wurden von der Deutschen Rentenversicherung tausende von Erhebungsbögen an bisher nicht von der Künstlersozialkasse erfasste Unternehmen versandt. Darin wird innerhalb eines Monats Meldung über an selbstständige Künstler und Publizisten geleistete Zahlungen gefordert.

Auch die selbstständigen Künstler und Publizisten werden sich auf zusätzliche Kontrollen einstellen müssen. Bisher richteten sich die Künstlersozialkassen-Beiträge schwerpunktmäßig nach der Schätzung der Einkünfte fürs folgende Jahr. In Zukunft kann die Künstlersozialkasse Angaben zum tatsächlichen Einkommen in der Vergangenheit verlangen und Beitragsbescheide entsprechend anpassen.“

Es spricht schon fast für die Steuerehrlichkeit der selbstständigen Künstler, dass sich die eigenen Schätzungen des Einkommens in diesem Umfeld um vergleichsweise moderate 10% erholten.

Für Autoren einer „Analyse“ der Künstlereinkommen der letzten 16 Jahre ist es entweder äußerst einfältig oder böswillig, die Ursachen von derart auffälligen Schwankungen in ihren Datensätzen nicht einmal bei Wikipedia zu recherchieren.

Die „Studie“ der Musikpiraten ist aufgrund ihrer aus Schätzungen abgeleiteten und naiv interpretierten Befunde ohnehin nicht aussagefähig. Die Autoren übersehen außerdem, dass aufgrund der Einführung strengerer Kontrollen in 2007 erwartet werden kann, dass die Schätzungen in den Jahren 1995 – 2007 geringer waren als die tatsächlichen Einkünfte.

Hierüber liegen jedoch keine Daten vor.  Daher sollte von einer weitreichenden inhaltlichen Interpretation dieser Zahlen abgesehen werden. Wollte man dies tun, wäre ein Rückgang der tatsächlichen Einkünfte angesichts der oben beschriebenen Umstände wahrscheinlicher – eine umgekehrte Interpretation ist in keinem Fall zulässig.

Die Autoren kommen aber bedenken- und kenntnisfrei zu der Auffassung, den Künstlern stünde im Durchschnitt mehr Geld zur Verfügung.

„Bis auf den Bereich Wort, der im Vergleich zu 1995 1,3 Prozent weniger verdient, steht den Künstlern im Durchschnitt mehr Geld zur Verfügung.“

Selbst die einfache Zahl, wie viel mehr den Künstlern im Durchschnitt angeblich zur Verfügung steht, bleiben sie an dieser Stelle schuldig.

Der Kommentar zur behaupteten Steigerung der geschätzten durchschnittlichen Jahres(!)einkommen von ca. EUR 8.800 auf EUR 9.200 über einen Zeitraum von 16 (!) Jahren – ist angesichts der weltweit entstandenen, zahllosen neuen Radio- und TV Sender, Milliarden zusätzlicher Mobil- und Internetnutzungen von Musik zynisch und menschenverachtend:

„Am besten steht sogar die Sparte da, deren Rechteverwerter in der Öffentlichkeit am meisten klagen: Musik. Um 5,6 Prozent stieg das Einkommen inflationsbereinigt an.“

2. GEMA

Schon im zweiten Teil ihrer eigenen Analyse offenbart sich ein Widerspruch zu der von ihnen behaupteten Einkommenssteigerung:

„Betrachtet man die Zahlen der GEMA, so zeichnet sich ein negativeres Bild ab“

Die Herkunft der KSK Zahlen haben wir oben erläutert. Die Umsätze der GEMA beinhalten
 -    im Wesentlichen Umsätze von Komponisten und Textdichtern, die nur einen sehr kleinen Teil der Künstler in der KSK ausmachen,
 -    einen hohen Anteil an Umsätzen ausländischer Urheber, der von den Autoren der Studie nicht separat dargestellt wird,
 -    in erheblichem Umfang Verlagseinnahmen, die von den Autoren der Studie ebenfalls nicht analysiert werden,
 -    erhebliche Einnahmen aus Inkassomandaten für andere, -in und ausländische Verwertungsgesellschaften, ebenfalls von den Autoren weder erfasst noch analysiert, etc.

GEMA Umsätze sind deshalb nicht sinnvoll mit KSK Schätzungen vergleichbar. So ist es kein Wunder, dass den Autoren etwas auffällt:

„Auffällig ist auch hier, dass gestiegene Einnahmen bei der GEMA nicht zu steigenden Einnahmenerwartungen (sic) der Musiker geführt haben. Ebenso ist der Einnahmenrückgang der GEMA nicht bei den Einnahmen der Musiker erkennbar.“

Allerdings spüren diese Experten der Piraten einen bisher nicht auffällig gewordenen Zusammenhang auf: Zwischen GEMA Umsätzen und Inflation!

„In Jahren besonders hoher Inflation von über zwei Prozent sanken die Einnahmen allerdings sogar im Vergleich zum Vorjahr. 2008 und 2009 lag die Inflation bei 2,3 bzw. 2,6 Prozent, die Einnahmen der GEMA sanken um drei Prozent. Genau der gegenteilige Effekt zeigt sich in den Folgejahren niedriger Inflation, hier ist das Wachstum besonders stark.“

Zur Verdeutlichung fügen die Piraten untenstehende Grafik ein, die uns außer der Darstellung zweier offenkundig unkorrelierter Kurvenverläufe allerdings nur Rätsel aufgibt.


Es bleibt das Geheimnis der Autoren, warum sich Inflationsraten kausal auf GEMA Umsätze auswirken sollten. Aber sie scheinen davon auszugehen, dass sie dies herausgefunden haben:

„Sofern die Inflation wieder sinkt, ist davon auszugehen, dass auch die GEMA ihre Einnahmen deutlich steigern wird, die hierfür nötigen Tarife stehen endlich zur Verfügung.“

3. Zur Zusammenfassung

Die Autoren bemühen sich nicht einmal, ihre Zusammenfassung mit den vorherigen „Ergebnissen“ in Zusammenhang zu bringen. Sie behaupten:

„Das Internet ist ganz eindeutig nicht der Untergang der Kreativen (…)Die Auswirkungen auf die Situation der Künstler waren im Gegenteil dazu mehrheitlich positiv.“

Hierfür liefert diese Studie aber keinerlei Grundlage. Die KSK Zahlen sind weder belastbar noch zeigen sie inflationsbereinigt einen Einkommenszuwachs bei Künstlern. Offensichtliche Gründe für Schwankungen der KSK Schätzungen werden übersehen. Ihre eigene Betrachtung der GEMA Umsätze widerspricht der präsentierten Kernaussage. Die Piratenautoren können keinen Zusammenhang zwischen GEMA Umsätzen und KSK Schätzungen ermitteln und postulieren abschließend einen nicht existenten Zusammenhang zwischen Inflationsraten und GEMA Umsätzen.

An keiner Stelle werden die tatsächlichen Einkünfte der Künstler ermittelt. Auswirkungen „des Internets“ werden in der Studie nicht analysiert.

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