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Presse20.12.2019 Autor*in: Laureen Kornemann

GEMA kauft Vertrieb und steigt damit aktiv in den Musikmarkt ein – VUT kritisiert den Deal der Verwertungsgesellschaft

  • Effiziente und transparente Verwertungsgesellschaften sind für eine funktionierende Musikwirtschaft unverzichtbar. 
  • VUT sieht die Übernahme eines Digitalvertriebs durch die GEMA aufgrund von mangelnder interner Transparenz, Marktverzerrung und unklaren Perspektiven kritisch.
  • VUT-Vorstandsvorsitzender Mark Chung: "Der VUT fordert und der GEMA-Vorstand verspricht verbesserte Transparenz und Mitbestimmung für Mitglieder. Die Handhabung der für den Erwerb eines Digitalvertriebs notwendigen Satzungsänderung auf der letzten Mitgliederversammlung war leider ein weiteres Beispiel für das Gegenteil."

Anfang Dezember 2019 erwarb die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) für viele Akteure im Musikmarkt überraschend eine Mehrheitsbeteiligung am Digitalvertrieb Zebralution GmbH. Effiziente und transparente Verwertungsgesellschaften sind für eine funktionierende Musikwirtschaft der Zukunft unverzichtbar. Es ist selbstverständlich, dass sich alle Akteure der Branche an die veränderten Spielregeln in den digitalen Märkten anpassen müssen und dabei ihre Aktivitäten weiterentwickeln. Der VUT verteidigt insofern die GEMA immer wieder entschieden gegen sachlich unzutreffende Kritik, obgleich die Verwertungsgesellschaft zentrale Aufgaben seit mehreren Jahren leider nur unzureichend erfüllt (so werden z. B. zahlreiche Konzerte nicht abgerechnet und enthält die GEMA-Datenbank fehlerhafte Angaben in hohem Maß). In konstruktiv-kritischem Dialog fordern vor allem die im VUT organisierten Musikverleger*innen von der GEMA aber immer wieder mehr Transparenz, Verteilungsgerechtigkeit und Effizienz. Die nun erfolgte Übernahme eines Digitalvertriebs sieht der VUT aus drei Gründen kritisch:

1. Mangelnde interne Transparenz 

Der Ankauf wurde vom GEMA-Aufsichtsrat beschlossen. Möglich machte ihn eine Satzungsänderung bei der letzten Mitgliederversammlung im Mai 2019. Worauf diese Änderung letztlich zielte, war zum damaligen Zeitpunkt für Außenstehende nicht ersichtlich. "Im Grußwort lud der Vorstandsvorsitzende die Mitglieder dazu ein, sich mit ihren Ideen und Meinungen einzubringen und sich aktiv am offenen Dialog über die Zukunft des Vereins zu beteiligen. Jedoch anstatt den Mitgliedern offen zu sagen, welche Ziele verfolgt wurden – nämlich eine Übernahme von Dienstleistern in der Musikwirtschaft –, wurde der entsprechende Antrag zur Satzungsänderung von Vorstand und Aufsichtsrat bewusst so vage, verharmlosend und dadurch irreführend formuliert, dass für viele kaum bzw. nicht erkennbar war, worauf der Antrag zielte. Dementsprechend war den Mitgliedern eine angemessene Diskussion oder gar Kritik nicht möglich", berichtet der VUT-Vorstandsvorsitzende Mark Chung. "Der VUT fordert und der GEMA-Vorstand verspricht immer wieder verbesserte Transparenz und Mitbestimmung für Mitglieder. Die Handhabung der für den Erwerb von Zebralution notwendigen Satzungsänderung war leider ein weiteres Beispiel für das Gegenteil. Für viele Mitglieder kam der Ankauf daher völlig überraschend", so Chung.

2. Marktverzerrung

Die GEMA nimmt für Urheber*innen und Verlage in Deutschland de facto eine marktbeherrschende Stellung ein. Zudem agiert sie anders als ein Unternehmen, da sie ihre Kosten den von ihr treuhänderisch vereinnahmten Geldern entnimmt. Sie ist nicht auf Gewinnerzielung angelegt. All dies ist für eine Verwertungsgesellschaft – sofern sie höchste Standards in Bezug auf Transparenz und Verantwortlichkeit erfüllt – überwiegend unproblematisch und zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben sogar notwendig.

Mit der Übernahme ist die GEMA eine Wettbewerberin im Digitalvertrieb, die keinen Gewinn erzielen müsste, bei der Verluste aber automatisch aus den Einnahmen getragen werden, die den Mitgliedern zustehen. Zudem verfügt sie über Umsatz-, Bank- und Kontaktdaten praktisch aller lokalen Urheber*innen. Daher ist der Ankauf für alle anderen Marktteilnehmer*innen und alle, die sich im Musikmarkt für ein "level playing field" aussprechen, hochproblematisch.

3. Unklare Perspektiven

Die GEMA hat bisher nur vage geäußert, welche weiteren Schritte sie plant. "Hat sie vor, Mitglieder dadurch zu binden, dass sie ihnen Digitalvertriebsdienstleistungen unterhalb des Marktwertes anbietet? Das wäre vor dem angesprochenen Hintergrund der Marktverzerrung hochproblematisch", gibt Mark Chung zu bedenken. "Als Investorin für ein Unternehmen zunächst einen Übernahmepreis auf Grundlage prognostizierter Erträge zu zahlen, um diese dann durch Beschneidung der Margen zu reduzieren, wäre eine schlechte Investitionsstrategie für treuhänderisch verwaltete Mitgliedergelder." Unklar bleibt bislang auch, wie mit den Gewinnen und Verlusten verfahren wird und vor allem, welche weiteren Projekte und Übernahmen die GEMA in naher Zukunft veröffentlichen wird.


Transparenzhinweis: 
Zebralution GmbH ist, wie auch andere Digitalvertriebe, ein Mitgliedsunternehmen des Verbandes unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT).


Weiterführende Informationen: 

Tags: GEMA, Stellungnahmen, Pressemitteilungen,

Kategorie: VUT Start, Presse,

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