VERBAND UNABHÄNGIGER MUSIKUNTERNEHMER*INNEN E.V.
ACT UNITED - STAY INDEPENDENT
Wirtschaft12.04.2021

Leitfaden für eine nachhaltige Musikwirtschaft

"Die Musikindustrie mag nicht die erste Branche sein, an die wir denken, wenn wir vom Klimawandel sprechen. Zu Recht, möchte man meinen. Aber sie ist Teil einer vernetzen Welt, in der es keine lokalen Effekte mehr gibt. Deshalb müssen wir eine Diskussion über strukturelle Änderungen anstoßen, die alle miteinbezieht. Musiker*innen, die in der Öffentlichkeit stehen und Einfluss haben. Aber auch deren Manager*innen, die diesen Einfluss formen. Veranstalter*innen müssen sich genauso wie Booker*innen und Locationbetreiber*innen davon überzeugen, dass wir ohne radikale Veränderungen aus der Sache nicht mehr rauskommen. Nur so wird das Publikum folgen." (Quelle: "Schluss mit Indie", Christoph Benkeser, 16. Juli 2019)

Jede*r kann etwas tun, um die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels abzumildern. Nachfolgend findet ihr eine Liste mit Ideen und Beispielen, anhand derer ihr in eurer geschäftlichen Praxis in der Musikwirtschaft dazu beitragen könnt, einen nachhaltigeren Weg zu gehen. Hierfür haben wir die Handlungsempfehlungen von Impala sowie der Music Declares Emergency-Kampagne zugrunde gelegt und ergänzt.

Ihr müsst nicht von heute auf morgen alles umsetzen – nehmt euch heraus, was ihr für realistisch haltet und probiert es aus! Wenn viele ein bisschen tun, wird auch das eine größere Summe CO2 einsparen. Je mehr ihr umsetzt, desto größer ist eure Wirkung – darauf könnt ihr stolz sein.

Bevor ihr startet, könnt ihr eure Ausgangslage feststellen: Messt eure Umweltauswirkungen mit dem Creative Green Tool CO2 Rechner für Büros oder dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes. Ein Tool für die Kreativwirtschaft gibt es von Julie's Bicycle unter diesem Link. Im Rahmen des IMPALA-Nachhaltigkeitsprogramms arbeitet die Organisation außerdem an einem Tool zugeschnitten auf Labels (tbc).

Vorschläge für konkrete Maßnahmen:

Strom und Gas aus erneuerbaren Energien

  • Wechselt zu 100% erneuerbarem Strom für euer Büro oder bittet eure*n Vermieter*in darum.
  • Nutzt möglichst solche Anbieter, die ausschließlich grünen Strom anbieten und unterstützt kleine und regionale Unternehmen – nach Möglichkeit Anbieter, die das GSL (Grüner Strom Label) tragen.
  • Lasst eine Bewertung der Energieeffizienz eures Gebäudes durchführen.
  • Prüft, ob es möglich ist Solarzellen auf eurem Büro/Gebäude zu installieren.

Flugreisen und Kompensation

  • Ersetzt nach Möglichkeit Inlandsflüge durch Bahnreisen – so habt ihr auch längere Zeit zum Arbeiten an Bord. Nutzt bei Auslandsflügen die 2. Klasse und Direktflüge.
  • Bietet Mitarbeiter*innen zusätzlichen Urlaub an, damit sie Zeit haben, mit der Bahn statt mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fahren. Bietet ihnen Subventionen an, damit sie mit der Bahn statt mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen.
  • Kauft für unvermeidliche Flüge und Autoreisen CO2-Kompensationen oder spendet einen entsprechenden Betrag für Klimaprojekte. Eine Reduzierung eurer Flugmeilen ist sicher sinnvoller, aber Kompensation oder Spende ist ein Anfang. (Ausgleichszahlungen an gemeinnützige Anbieter sind übrigens als Spende absetzbar.) Empfehlenswerteste Anbieter sind laut Stiftung Warentest: atmosfair, Primaklima und Klima-Kollekte. Aber für Kompensationen zu bezahlen ist nicht dasselbe wie die Reduzierung eures Einflusses! Es ist besser, die von euch verursachte Umweltverschmutzung zu reduzieren, als im Nachhinein zu versuchen sie auszugleichen.

Alternative Verkehrsmittel zur Arbeit und für Dienstreisen

  • Nutzt z.B. elektrobetriebene (Miet)-Autos, Taxis oder Fahrservices
  • Warum eigentlich nicht mit Fahrrad und Bahn zur Arbeit fahren? Ermutigt auch eure Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen, wenn möglich mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit zu kommen. Einige Städte bieten steuerliche Anreize für Elektrofahrräder, informiert euch über lokale Programme.
  • Zudem: Home-Office spart auch CO2!
  • Richtet ein Carsharing-System für Mitarbeiter*innen ein, wenn der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder per Rad nicht machbar ist.
  • Erwägt Lastenradlieferungen.

Tonträgerproduktion

  • Das Wichtigste ist, nicht zu viele Exemplare von Tonträgern zu pressen, denn Überbestände sind teuer in der Herstellung, im Transport, in der Lagerung und im Recycling. Und all das verursacht einen ökologischen Fußabdruck. Sprecht also mit euren Vertriebspartnern, um die benötigten Mengen am besten einschätzen zu können.
  • Verwendet weniger Material, wo immer es möglich ist: Vinyl-Releases auf 140 Gramm statt 180 Gramm – die Klangqualität ist identisch, aber der CO2-Fußabdruck durch Herstellung und Versand ist proportional geringer.
  • Pressungen aus 100 % recyceltem Vinyl mit einer Klangqualität, die mit der von nicht recyceltem farbigem Vinyl vergleichbar ist, sind in einigen Presswerken erhältlich. Darüber hinaus können die meisten Presswerke auf teilweise recyceltem Vinyl pressen. Diese können in Schwarz produziert werden, andere Farben sind je nach Verfügbarkeit möglich. Möglich ist auch eine Mischung von Farben, wobei jedes Exemplar anders/einzigartig ist, was ein Verkaufsargument sein kann.
  • Lasst idealerweise in Deutschland herstellen, um Transporte zu minimieren (s.u. "Lieferung"), auch wenn dies vielleicht etwas mehr kostet. Wenn ihr in Europa produzieren lasst, stellt die REACH-Verordnung der EU sicher, dass die in der EU hergestellten Pressteile aus PVC hergestellt werden, welches weniger giftige Chemikalien enthält. Wenn ihr mit US-Herstellern sprecht, vergewissert euch, dass sie in den USA und nicht in Europa pressen. Fragt die US-Presswerke auch nach der Herkunft des verwendeten Vinyl-Rohmaterials.
  • Fragt insbesondere bei eurem Presswerk nach deren Nachhaltigkeitsstandards: Sind sie konform mit ISO14001 (internationales Umweltmanagementsystem), ISO50001 (zertifiziertes Energiemanagementsystem) und ISO9001 (Qualitätsmanagement)? Nutzen sie erneuerbare Energien? Haben sie sich Ziele zu Abfallreduzierung und Recycling gesteckt? Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Optimal unter diesem Link.
  • Umstellung von Kunststoff- auf Kartonverpackungen für CDs! CD-Hüllen, die aus aus Polystyrol hergestellt werden, haben einen hohen ökologischen Fußabdruck bei der Herstellung und sind nicht leicht zu recyceln.
  • Vermeidet das Mischen von Materialien oder den Einsatz zusätzlicher Verfahren, die z. B. das Recycling von Hüllen und Verpackungen erschweren oder unmöglich machen:

    • Verwendet Druckfarben auf Pflanzenbasis und Lacke auf Wasserbasis.
    • Vermeidet UV-Lacke, Laminate oder Folienveredelungen.
    • Vermeidet CD-Digipacks, die aus einer Papphülle und einem Kunststofftray bestehen.
    • Verwendet Kartoneinlagen, um den Inhalt des Boxsets an seinem Platz zu halten, anstatt Schaumstoffeinlagen.

  • Der Fußabdruck des Einschweißens von Tonträgern ist klein und kann Retouren und den daraus resultierenden zusätzlichen Fußabdruck bei Herstellung und Transport reduzieren, daher ist es nicht unbedingt immer besser das Einschweißen zu vermeiden. Alternativen sind z. B. haltbarere PVC-Staubschutzhüllen, Bauchbinden aus Papier (Banderole), abziehbare Aufkleber mit Text zum Versiegeln der Hülle oder kompostierbare Verpackungen/Hüllen (hier erkundigt euch aber beim Lieferanten bzgl. der Toxizität beim biologischen Abbau, denn die Hüllen müssen von den Verbraucher*innen ordnungsgemäß entsorgt werden und sollten daher entsprechend gekennzeichnet sein).

Merchandiseproduktion

  • Zertifizierte Bio-Baumwolle (z.B. Soil Association, Global Organic Textile Standard) oder Kleidung aus nachhaltigeren Fasern wie Bambus oder Hanf für Merchandise-Produkte verwenden
  • Fragt eure Lieferanten nach ihren ethischen und umweltpolitischen Standards.
  • Arbeitet mit Druckereien und Herstellern zusammen, die über Umweltrichtlinien und Räumlichkeiten verfügen, die hauptsächlich mit erneuerbarem Strom betrieben werden.

Drucksachen & Mailorder

  • Verwendung von recyceltem oder FSC-zertifiziertem Papier und Karton statt Mischungen aus Kunststoff und Karton.
  • Klimaneutraler Druck wird von immer mehr Druckereien angeboten
  • Verwendet Papierklebeband anstelle von Plastik.
  • Bietet Kund*innen Preisnachlässe für Schallplatten an, die während des Transports Schäden an den Hüllen erlitten haben.

Lieferung, Einkauf und Transporte

  • Prüft, ob ihr LPs und CDs statt per Luftpost mit Seefracht verschicken könnt, die zwar länger dauert, aber deutlich günstiger und weniger CO2-intensiv ist. Seefrachtspediteure sind z.B. Woodland und Davies Turner.
  • Eine sorgfältige Planung kann helfen, unnötige Transporte zu minimieren, z.B. Versand direkt von Presswerken an Vertriebe statt über ein Distributionszentrum.
  • Nutzt in der Stadt Fahrrad- statt Autokurierdienste
  • Einige Paketdienste bieten klimaneutralen Versand an.
  • Kauft Produkte von regionalen Anbietern statt per Langstrecken-Versand aus China oder Hongkong
  • Sharing is caring – und macht Spaß: Teilt den Schredder u.v.m. mit der Bürogemeinschaft.

Technik & digitaler Fußabdruck

  • Nutzt die Suchmaschine Ecosia (d.h. pro 45 Suchanfragen einen Baum pflanzen und nebenbei Google weniger mit euren Daten füttern).
  • Wechselt für eure Websites zu Servern die 100 % erneuerbare Energien verwenden.
  • Eine reduzierte Bildschirmhelligkeit reduziert auch die Stromkosten.
  • Muss es jedes Jahr ein nagelneuer Rechner, ein neues Mobiltelefon sein? Prüft euren Technikkonsum, nutzt ggf. aufbereitete Second-Hand-Geräte und bringt eure alten Rechner zum Recycling.
  • Ihr könnt ausrangierte Laptops, eBook-Reader, Tablet-PCs u.a. auch spenden. Das gemeinnützige Hilfsprojekt Labdoo.org z. B. ist aktuell in Deutschland und weiteren 134 Ländern der Welt aktiv und unterstützt mehrere 100.000 Schüler*innen und Flüchtlinge in Schulen, Waisenhäuser, Kinder-/Jugend- und Flüchtlingsprojekte kostenlos mit IT-Spenden. Die Spenden von privat oder Unternehmen sollen im In- und Ausland Zugang zu IT, Bildung und Teilhabe an der digitalen Gesellschaft ermöglichen. Weitere Informationen findet ihr unter diesem Link.
  • Laptops sparen Energie im Vergleich zu Desktop-Rechnern.
  • Nutzt Kippschalter für alle Verteilerdosen.
  • Nutzt LED-Lampen – sie sparen viel Energie.
  • Aktiviert den Stromsparmodus in Geräten.
  • Verwendet aufladbare Batterien.

Konferenzen, Veranstaltungen und Meetings

  • Wechselt zu Onlinekonferenzen statt echten Dienstreisen, wann immer möglich.
  • Verbannt Einweggeschirr von Partys und Festen.
  • Kauft Getränke in Glasflaschen statt Plastik.
  • Kauft direkt vom Fleischer, Bäcker etc. und erzeugt so weniger Verpackungsmüll.
  • Betreibt ihr eine Spielstätte oder ein Festival: Ermutigt euer Publikum, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Stellt sicher, dass Informationen über die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad oder zu Fuß zum Veranstaltungsort jederzeit verfügbar sind und setzt wenn möglich Anreize für deren Verwendung.
  • Setzt die Umwelt aufs Menü: Bietet vegetarische und vegane Optionen beim Catering oder auf eurer Speisekarte an (oder werdet 100% fleisch- und fischfrei). Kauft  lokale, saisonale und Bioprodukte.

Finanzen

  • Wenn möglich, wechselt zu einer ethischen Bank, die nicht in kohlenstoffintensive fossile Brennstoffe investiert, siehe: Vergleich grüne Banken
  • Erwägt Investitionen in Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien.
  • Wenn vorhanden, Devestition eurer Pensionskasse aus fossilen Brennstoffen.

Büro & Umgebung

  • Dreht die Heizung im Büro aus wenn ihr geht – prüft generell auch eure Isolierung und Heizeffizienz – und mit was wird eigentlich euer Büro beheizt?
  • Nutzt (nachhaltig produzierten) Kaffee aus Filter- oder Kaffeemaschinen ohne Kapseln und plastikverpackten Pads.
  • Kauft Büromöbel aus nachhaltigen Quellen. Wählt Holz aus FSC-Wirtschaft, spart Plastik ein, kauft Second-Hand-Büromöbel und verschenkt, verkauft oder recyclet eure alten Möbel.
  • Viele Büros haben eine Terrasse, Garten oder Balkon – warum nicht bepflanzen? Bienenfreundliche Pflanzen, Bäume, Gründach oder vielleicht Bürogemüse für zwischendurch – Gärtnern entspannt mehr als die Raucherpause und schafft Teamgeist.
  • Papierhandtücher abschaffen und durch echte ersetzen
  • Papier sparen – Ausdrucke systematisch kritisch hinterfragen

Plastik einsparen

  • Plastikherstellung erzeugt in hohem Maße CO2, Plastik vermüllt die Meere und gelangt in den Nahrungskreislauf.
  • Nutzt Seife statt Flüssighandseife.
  • Nutzt Geschirrspülertabs mit löslicher Folie.
  • Nutzt Mehrweggeschirr auf Partys.
  • Kauft den Kaffee to go lieber im Mehrwegbecher.
  • Ersetzt Einweg- mit Mehrwegflaschen.
  • Nutzt vorhandene Jutebeutel statt Plastiktaschen.
  • Kauft Obst lose, Fleisch bei der Fleischerei und Brot in der Bäckerei unverpackt.
  • Reduziert Plastik-Verpackung beim Versand von CDs und anderen Produkten.
  • Müll trennen, spart Ressourcen und CO2: Jede durch Abfalltrennung und Recycling vermiedene Tonne Primärrohstoff vermindert den Rohstoffverbrauch und die Treibhausgasemissionen. 

Politisch aktiv werden

  • Macht ökologische Nachhaltigkeit zu einer Priorität in eurem Unternehmen.
  • Ihr könnt jemanden im Team benennen, der für die Ökologisierung eurer Aktivitäten verantwortlich ist.
  • Sprecht mit euren Künstler*innen darüber, was sie tun können und wie ihr sie unterstützen könnt.
  • Unterstützt Umweltkampagnen und -veranstaltungen, wie z. B. Music Declares Emergency, Green Music Initiative, Extinction Rebellion, Fridays for Future, Greenpeace.
  • Engagiert euch politisch mit demokratischen Mitteln, ob Demonstrationen, Petitionen, Briefe an Abgeordnete usw.
  • Nutzt eure Reichweite um Sichtbarkeit für das Thema zu schaffen.
  • Sprecht mit euren Fans über die Klima- und Umweltkrise, wann und wo immer ihr könnt und fordert sie auf, sich euch anzuschließen.

Weiterführende Materialien

  • Eine Erklärung für einzelne IMPALA-Mitgliedsunternehmen, die sich individuell verpflichten können einen nachhaltigeren Weg zu gehen, findet ihr unter diesem Link. Die Selbstverpflichtung unterstützt die Gesamtverpflichtung von IMPALA, die ihr unter diesem Link nachlesen könnt.
  • Ausführliche Leitlinien auf Englisch sowie einen Anhang u.a. mit einem Fragebogen für Lieferanten findet ihr unter diesem Link.


Der VUT hat bereits 2019 die Erklärung von Music Declares Emergency mitgezeichnet. Music Declares Emergency ist eine Gruppe von Künstler*innen, Fachleuten der Musikindustrie und Organisationen, die sich zusammengeschlossen haben, um auf einen klimatischen und ökologischen Notstand hinzuweisen und eine sofortige staatliche Reaktion zum Schutz des Lebens auf der Erde zu fordern.

Mehr Informationen über Music Declares Emergency und das Formular zum Unterzeichnen findet ihr unter www.musicdeclares.net/de.

Mehr Informationen zum Nachhaltigkeitsprogramm unseres Dachverbandes Impala findet ihr unter diesem Link.

Tags: Wirtschaft, Wirtschaft Mitgliederbereich,

Kategorie: VUT Start, VUT Intern, Musikwirtschaft, Know How,

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